beim arzt: oberschenkelverletzung im hals;

Über 700 Kilometer. Vom Norden in den Süden. Seit knapp vier Monaten lebe ich nun in der Metropolregion Stuttgart. Zu einem großen Umzug wie meiner von Hamburg nach Stuttgart gehört auch, sich neue Ärzte zu suchen. Gar nicht so einfach. Manchmal geht das aber auch sehr schnell; und kann sehr amüsant sein.

Halsschmerzen, seit Tagen. Dazu glich meine Stimme immer mehr der von Bonnie Tyler. Genug der Selbsttherapie also und ab zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt. Doch wohin? Zu welchem? Ich bin neu in der Stadt, der Gegend. Das ist meine erste Erkrankung. Dank Google ist es mittlerweile ja zum Glück ein einfaches, die Adressen sämtlicher HNO-Ärzte in jeder beliebigen Stadt und im kleinsten Dorf zu googlen, auf die entsprechenden Websites zu gehen, Empfehlungen zu lesen usw.

Letzteren traue ich jedoch nur bedingt. Zu häufig lese ich hier unqualifzierte Kommentare, von denen ich nicht wirklich auf die Qualifikation des Arztes schließen kann. Nicht zuletzt muss auch die Chemie zwischen Arzt und Patient stimmen. und was bei einem funktioniert, muss bei dem anderen nicht unbedingt klappen.

Regenbogenpresse im Wartezimmer

Ich entschied mich bei meiner Suche relativ schnell für einen Arzt unweit meiner Arbeitsstelle. Vor allem, da dieser mich auch am selben Tag noch kurzfristig innerhalb von zwei Stunden aufnahm. Raus aus dem Büro, ab in die Praxis. Im Wartezimmer lagen diverse Magazine, Gala, In touch, Bunte; Blättchen, die ich meim Friseur oder Arzt nur zu gern lese. Königshäuser, Stars und Sternchen, Klatsch und Tratsch bis ich aufgerufen wurde.

Dort fackelte der Arzt nicht lange. Kein langes Vorgeplänkel, ich musste gleich auf den Untersuchungsstuhl. Das gefiel mir. Ich war stimmlich ohnehin mehr als eingeschränkt. Blick in die Nase, in den Hals. „Sagen Sie „hi hi““, sagte der Arzt zu mir. „Atmen Sie durch den Mund bitte.“ Ich hielt mir die Nase zu und atmete durch den Mund.

Dann, nach einigen Minuten Untersuchung, legte er das Untersuchungsbesteck beiseite und sagte er nüchtern: „Kehlkopfentzündung. Stimmbänder entzündet. Das müssen wir mit Antibiotikum behandeln. Was arbeiten Sie?“

„Ich bin Redakteurin.“

Er zögerte. „Ich schreibe Sie für morgen krank. Sie haben absolutes Sprechverbot.“

Stille.

Am Freitag wollte ich nach Hamburg fahren; am Montag wollte ich einen Lauf über die Köhlbrandbrücke in Hamburg mitmachen. Freunde besuchen. Mein Kurzurlaubskartenhaus fiel zusammen.

„Kann ich denn Montag einen Wettkampf laufen? Also meinen Sie, ich bin bis dahin wieder fit?“, fragte ich zögerlich und merkte sofort als ich dem Arzt in die Augen sah, wie dämlich diese Frage gewesen war.

Er holte tief Luft.

„Laufen Sie mit einer Oberschenkelverletzung? Wenn der Muskel verletzt ist?“, antwortete er schließlich.

Ich schüttelte den Kopf.

„Also, Sie haben eine Oberschenkelverletzung im Hals!“

Bäm. Das saß. Zugleich fand ich seinen Vergleich amüsant. Trockener Humor wie ich ihn mag.  Er erinnerte mich ein wenig an meinen Zahnarzt aus Hamburg, der mich immer mit einem lauten „Moin!“ begrüßte; er hatte einen ähnlichen Humor. Der HNO-Arzt war meiner, das wusste ich. Er klärte mich anschließend noch über die möglichen Folgen auf, sollte ich doch laufen. Herzmuskelentzündung und so.

Wenn sportlicher Ehrgeiz gefährlich wird

Darin kenne ich mich gut aus. Einige meiner Freunde arbeiten im medizinischen Bereich; eine davon in einer ambulanten Rehaeinrichtung. Sie berichtet mir  regelmäßig von Patienten mit einer Herzmuskelentzündung. „Jung, erst Anfang 20, total sportlich, raucht nicht, trinkt nicht. Die Erkältung nicht auskuriert, gleich wieder trainiert und jetzt schlurft er bei uns über den Flur wie ein 80-Jähriger.“

Der Arzt druckte mir meine Rezepte aus.

„Gute Besserung! Und schönes Schweigen!“, sagte er zum Abschied und grinste mich an.

Schönes Schweigen. Ich musste lachen, wenngleich mir zum Heulen zumute war. Zumindest habe ich jetzt einen lustigen HNO-Arzt in der neuen Heimat.

 

beim arzt: oberschenkelverletzung im hals;

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