hoch, höher, am höchsten: halbmarathon heidelberg;

Sonne, Regen, Schnee. Asphalt, Waldboden, Kopfsteinpflaster. Bergauf, bergab, flach. Für Abwechslung beim SAS Halbmarathon der TSG 78 Heidelberg am vergangenen Sonntag war in allen Bereichen gesorgt. Von den anspruchsvollen Gegebenheiten wusste ich. Dass der erste Lauf dieses Jahres und meine Heidelberg-Premiere allerdings ein derartiges Laufhighlight werden sollte, stand nicht auf meiner Agenda. Wie konnte das passieren?

21,0975 Kilometer mit insgesamt 400 Höhenmetern. 3 knackige Anstiege und steile Gefälle. Die Streckenführung des Heidelberger Halbmarathons ist wahrlich nichts für ungeübte Hobbyläufer. 12 Wochen habe ich mich darauf vorbereitet. 12 Wochen mit jeweils 5 Trainingseinheiten pro Woche, mit Bergläufen, Bergintervallen, langen Läufen, Schwellen- und Treppenläufen und Wiederholungsläufen. Keine Einheit habe ich verpasst oder ausgelassen, bei Wind und Wetter war ich unterwegs. 12 Wochen habe ich mich fokussiert auf diesen Lauf, meinen Körper gefordert und zugleich gepflegt.

Hoch gesteckte Ziele

Mein Ziel: unter 2 Stunden. Holla, sagten einige Freunde. Diese trauen mir zwar viel zu, kennen jedoch Heidelberg besser als ich. Ambitioniert, nannte ich dieses Ziel. Nach dem läuferisch verhuntzen Jahr 2015 wollte ich mir mit Jack Daniels im Gepäck ein hohes Ziel setzen. Nur wer sich hohe Ziele setzt, kann sie erreichen, dachte ich mir. Und überhaupt: Der Aufwand sollte sich ja auch lohnen.

Doch sollte dies reichen? Sollte sich all die Schinderei und Mühe auszahlen? Durchkommen würde ich, dessen war und bin ich mir immer sicher. Nur – wie? In welcher Zeit komme ich an? Wird es weh tun?

Der kurze Lauf um den Block am Tag davor, um die Muskulatur locker zu machen, und die Nacht verhießen nichts Gutes: Meine Waden schmerzten bei jedem Schritt, nachts gesellten sich noch Wadenkrämpfe dazu. Ich schwitzte und hatte leichte Halsschmerzen.

Als ich aufwachte, schien die Sonne. Das Halsweh war vorüber; vorsichtshalber nahm ich eine Magnesiumtablette gegen die Wadenschmerzen. Noch ein paar Nudeln und eine Banane essen. Rucksack checken: Wechselklamotten, Langarmshirt, Laufuhr, Geldbeutel, Trinken, Energygels. Auf die Räder, fertig, los.

Kalt, kälter, April

Pünktlich um halb neun erschien ich mit meiner Supporterin an der Universitätsbibliothek auf der Plöck, wo sich bereits etliche Läufer versammelt hatten. Die ersten liefen sich schon warm, die meisten jedoch kamen wie wir erst an, zogen sich um oder standen an den Toiletten an. Glücklicherweise konnten wir auch die Räume der Theodor-Heuss-Realschule nutzen, so dass es neben den obligatorischen und berühmt-berüchtigten Dixie-Klos auch eine stattliche Anzahl „normaler WCs“ gab. Das Warten hielt sich in Grenzen; für einen Lauf absolut ungewöhnlich.

Wichtiger war daher die Frage für mich: Was ziehe ich bloß an? Diese Frage sollte mich bis kurz vor den Start beschäftigen. Es war kalt, sehr kalt, doch die Sonne schien. Gesetzt war mein neues Heldenlauf-Matrosinnen-Shirt. Ebenso die kurze Hose. Doch sollte das reichen? Sollte ich mir nicht doch lieber noch Langarmshirt darunten anziehen? Im Wald und bergab könnte es kalt werden. Generell friere ich lieber als zu schwitzen. Zu kalt jedoch ist mir auch nichts. Was nun? Den Sonnenstrahlen traute ich gestern nicht wirklich viel zu und zog also schnell noch ein Langarmshirt unter mein T-Shirt. Eine gute Entscheidung, wie ich später beim Lauf mehrfach feststellen sollte.

Laufen oder die Frage: Was ziehe ich an?

Start bei der Peterskirche an der Universitätsbibliothek um kurz vor halb zehn. Über Kopfsteinpflaster und die Alte Brücke ging es die ersten Kilometer durch die Altstadt auf die andere Seite des Neckars. „Schon 1 Kilometer.“ „Schon 2 Kilometer“, stand auf den Kilometeranzeigen am Streckenrand. Schon? Ehrlich? Der Kontrollblick auf meine Uhr. Tatsache. Ich war schnell, viel zu schnell. Egal, was soll’s. Die Beine waren leicht, es lief gut an. Ich überholte einige andere Läufer. Sollte der Einbruch später am Berg kommen, war es mir in diesem Moment auch egal. Ich wollte schnell laufen und ich lief schnell.

Auf der Uferstraße ging es weiter bis Neuenheim, dort drehten wir eine Schleife, bevor es über den Albert-Überle- Straße hinauf auf den Philosophenweg und damit zur ersten Steigung des Laufes ging. Vier Kilometer bergauf bei einer mittleren Steigung von 10 Prozent, in der Spitze sogar 14 Prozent. Langsam lief ich den Berg hinauf, als die Abzweigung zum Philosophenweg kam, ging ich ein paar Schritte. Das war meine Taktik: Am Berg laufen soweit und so schnell es geht, mich aber nicht total verausgaben, und wenn gar nichts mehr geht, einfach ein paar Schritte gehen. Diese Zeit wollte ich dann im Flachen und bergab wieder aufholen.

Schneller und leichter als erwartet war ich am Garten des Philosophenweg angelangt. Von dort ging es nur noch leicht bergauf weiter. Nach einem kurzen Stück durch den Wald auf aufgeweichtem Boden war kurz vor Kilometer 11 dann der höchste Punkt des Laufes erreicht: die Moltke-Hütte auf 270 Meter Höhe. Ich war überrascht – den Anstieg hatte ich mir anstrengender vorgestellt. Ein Blick auf die Uhr: etwas über 1 Stunde. Wow! Ich lag verdammt gut in der Zeit. Es begann ein wenig zu regnen; ich war froh über mein Langarmshirt mit Kapuze.

Philosophenweg: In der Spitze 14 Prozent Steigung

Danach gings erstmal steil bergab – orthopädisch betrachtet nicht unbedingt gut für die Waden, Oberschenkel und Knie. Ich tat das, was an diesem Tag am besten funktionierte: nicht nachdenken, einfach genießen, die Beine laufen lassen. Und was für einen Spaß machte es, einfach den Berg hinab zu rasen! Für mich gestern, die pure Erholung.

Einen guten Kilometer später ging es dann beim Stift Neuburg auch schon wieder bergauf – mit einer Steigung, die es in sich hatte: 13 Prozent; und das fast einen Kilometer lang. Ich entschloss mich, ein paar Schritte zu gehen. Meine Oberschenkel brannten wie Feuer. Zum Glück und praktischerweise war hier ein Getränkestand aufgebaut, so konnte ich die kurze Gehpause gleich mit Trinken verbinden. Laufen und Trinken war ohnehin noch nie meins. Noch schnell ein Energygel trinken. Weiterlaufen.

Wo es hoch geht, geht es auch meistens wieder runter. In diesem Fall ging es ziemlich steil bergab auf einer unebenen Straße mit vielen Schlaglöchern nach Ziegelhausen, wo etliche Zuschauer uns anfeuerten.

Bergablaufen will trainiert sein

Im Flachen gings dann erstmal auf der Schlierbacher Landstraße über die Ziegelhäuser Brücke auf die andere des Neckars. Nach den vielen Kilometern bergauf und bergab raste ich im gleichen Tempo weiter und musste ich mich erst wieder an das Laufen im Flachen gewöhnen. Ich hatte immer noch ein gutes Tempo und war überrascht, wie leicht und locker ich vorankam. Keine Seitenstechen, keine Schmerzen. Ich hatte Spaß am Lauf, an den Zuschauern, an der Band, die am Ende der Brücke spielte.

Nach nur zwei Kilometer war der gemütliche Lauf im Flachen auch schon wieder vorbei. Eine scharfe Linkskurve, dann lag vor uns Läufern der letzte Berg, den es zu bezwingen galt: über den Wolfsbrunnenweg rauf auf das Schloss Heidelberg. 500 Meter bergauf bei einer mittleren Steigung von 12 Prozent, in der Spitze sogar 18 Prozent. Bei Kilometer 16; dort, wo bei anderen Halbmarathonläufen der Endspurt ansetzt, ging es hier insgesamt 3 Kilometer hinauf zum Schloss.

Ich kannte den Berg bereits von einigen Trainingsläufen. Ich hatte Respekt vor ihm. Mittlerweile spürte ich beim Hinauflaufen jeden Muskel im Hintern. Ein Blick auf die Uhr. 1h:26min. Noch 5 Kilometer bis zum Ziel. Selbst wenn ich nun eine halbe Stunden für diese letzten fünf Kilometer bräuchte, mein Ziel unter 2 Stunden würde ich schaffen. Schwupp, hatte ich ein neues Ziel: Nicht nur unter 2 Stunden, nein: soweit wie möglich unter 2 Stunden sollte es nun sein. Also: Laufen so schnell es geht. Nicht nachdenken. Die Atmosphäre genießen, die Anwohner, die am Straßenrand Orangenscheiben, Bananen und Salzstangen verteilten, die uns anfeuerten.

Es war anstrengend, es war kein Kinderspiel, dieser Lauf auf den Berg, der sich zog wie ein dicker fetter Hubba-Bubba-Kaugummi. Er war jedoch weitaus weniger schlimm als erwartet, weitaus weniger schlimm als die Trainingsläufe, die ich alleine absolviert hatte.

Zum Heidelberger Schloss: Kilometer 16 und die längste Steigung

Oben am Schloss angekommen fing es plötzlich an zu schneien. Schnee? Jetzt? Tatsache. Es war Schnee. Wahnsinn. Was für ein Lauf.

Vom Schloss führte die Strecke uns dann rund 100 Höhenmeter bergab in die Altstadt. Meine Beine fühlten sich nach all den Bergläufen mittlerweile an wie Pudding, mein Gluteus Maximus machte sich bemerkbar. Jetzt sauber weiterlaufen, nicht schludern auf den letzten Metern, sonst würde ich noch Wochen später diesen Lauf spüren.

Der letzte Kilometer über Kopfsteinpflaster zum Uniplatz schlauchte noch einmal ganz schön. Ich fragte und frage mich auch bis heute, ob es nicht einfach nur eine psychologische Kiste ist: Ich sehe die letzten Meter des Laufs vor mir, ich weiß, gleich ist es vorbei. Dann macht mein Kopf dicht und ich beginne zu kämpfen. Wäre das Ziel jedoch noch ein, zwei Kilometer weiter, würde ich vermutlich nicht kämpfen.

Trotz der kalten Temperaturen standen einige Zuschauer am Streckenrand in der Altstadt und feuerten uns auf den letzten Metern an. Ich entdeckte meine Supporterin unter ihnen. Abklatschen, jubeln fürs Foto. Noch einmal Gas geben.

Und dann war da plötzlich und schon das Ziel erreicht. 21,0975 Kilometer und rund 270 Höhenmeter später. Über die Zielmarkierung laufen, ein Piepen. Geschafft. Aus. Vorbei.

Ich wusste, ich hatte es geschafft: Mein Ziel. Und das weit unter 2 Stunden. Ohne Qual, ohne große Schmerzen, dafür mit einer nie zuvor erlebten Leichtigkeit und dem größten Spaß an einem Lauf, den ich je hatte. Freudentränen dürfen da sein.

Eine gesengte Sau und die Freude im Ziel

Die Kilometermarkierungen am Streckenrand flogen an mir vorüber. Normalerweise zähle ich bei einem Halbmarathon jeden Kilometer, erwarte ich sehnsüchtig jedes weitere Kilometerschild und verfluche mich mehrfach während des Laufes, warum wieso und weshalb ich mir das antue. Bei diesem Lauf war alles anders. Ich lief in Schwaben sagt man „wie eine gesengte Sau“ und hatte auch noch Spaß daran! Kilometer um Kilometer flog an mir vorbei, ich überholte und überflügelte mich selbst.

7 Kilometer lief ich unter 5 Minuten pro Kilometer. Noch nie bin ich auch nur einen Kilometer unter 5 min/km gelaufen! Jetzt das! Und das nicht nur die Kilometer bergab. Immer wieder mahnte ich mich während des Laufs, nicht zu schnell zu laufen, um später nicht einzubrechen. Immer wieder lief ich einfach schnurstracks weiter. Wahrscheinlich die Endorphine. Vom Lauf und mir selbst gedopt.

Wenn es läuft, dann läuft’s. Wenn es läuft, dass lass es laufen.

Heidelberg 2017. Ich bin dabei.

hoch, höher, am höchsten: halbmarathon heidelberg;

4 Gedanken zu „hoch, höher, am höchsten: halbmarathon heidelberg;

  • Mai 4, 2016 um 7:27 am
    Permalink

    Herzlichen Glückwunsch! Ich habe selbst überlegt in Heidelberg anzutreten, habe mich dann aber dagegen entschieden, da ich doch schon sehr Respekt vor den Höhenmetern hatte und für mein Saisonziel das auch nicht wirklich notwendig ist. Mich freut es wirklich, dass du dein Ziel so weit überboten hast. Ich bin gespannt, welches Ziel du dir für 2017 vornimmst 🙂

    Antworten
    • Mai 5, 2016 um 6:21 am
      Permalink

      Vielen lieben Dank! Wahrscheinlich war es bei mir der große Respekt vor den Bergen, der mich so antrieb 🙂 Ich bin auch gespannt, was jetzt als nächstes kommt. Was ist dein Saisonziel?

      Antworten

Kommentar verfassen