u-bahn hier, stadtbahn dort;

Seit gut vier Monaten lebe ich nun in der Region Stuttgart. Die Anpassung klappt sehr gut: Ich habe mich an die Mülltrennung gewöhnt (normaler Müll, Biomüll, gelber Sack, Papier, Flaschen), ich erledige meine Kehrwoche und mit den hochgeklappten Bürgersteigen abends ab 18 Uhr bzw. am Wochenende ab 13 Uhr komme ich sehr gut klar. Was mich jedoch immer wieder und immer noch irritiert und in Erstaunen versetzt: die Ruhe in der U-Bahn, äh – Stadtbahn.Gut zehn Jahre war ich aktive „HVV-Fahrerin„, also Nutzerin des öffentlichen Nahverkehrs Hamburgs. Fast Hälfte davon fuhr ich täglich von Wilhelmsburg bis fast nach Norderstedt zur Arbeit. Einmal quer durch die ganze Stadt. Bus – S-Bahn – U-Bahn – Bus – Laufen. Das war mein täglicher Weg zur Arbeit. Oder anders ausgedrückt: Über eine Stunde Fahrtzeit, manchmal, wenn ein Bus oder eine Bahn ausfiel, dann auch eineinhalb Stunden. Mehrere Male musste ich in dieser Zeit von der S-Bahnstation nach Hause laufen, weil entweder wieder einmal eine Fliegerbombe aus dem 2. Weltkrieg entschärft wurde oder der Bus nicht fuhr (weil er sonstwo gebraucht wurde). Als das Orkantief „Christian“ 2015 über Hamburg fegte und den kompletten Nah- und Fernverkehr lahmlegte, kam ich erst Stunden später über Umwege nach Hause. Und bei einer Bombenentschärfung saß ich bis abends kurz vor elf Uhr an einer Bushaltestelle auf der Straße mit unzähligen anderen Bewohnern, weil unser Wohngebiet abgesperrt war. Ich weiß, wie es ist eingepfercht in einem vollbesetzten Bus zur Sommerzeit ohne Klimanlage zu stehen.

Es ist also nicht übertrieben, wenn ich sage: Ich kenne mich aus, in und mit dem öffentlichen Nahverkehr.

Mit Bus und Bahn, Lärm und Ellenbogen

Das tägliche S-/U-Bahnfahren hat mich nie groß gestört, zumindest nicht so, dass ich ernsthaft darüber nachgedacht hätte, mir ein Auto anzuschaffen. Was hätte es zudem gebracht, außer Stau auf den Elbbrücken oder im Elbtunnel? Je länger ich jedoch die Strecke fuhr, desto mehr gesellte sich zu der Monotonie auch eine leichte Gereiztheit – die vielen Menschen, der Geräuschpegel, die Aggression. Ich habe dieses Gefühl anfangs nicht wahrgenommen, es war einfach da, wie ein Klops im Magen, eine Schwere, und ich wusste nicht woher es kam.

Die volle Bahn, schon morgens um kurz nach sechs Uhr. Der Stau auf der Treppe am Jungfernstieg beim Übergang von der S- in die U-Bahn. Das Drängeln von hinten sobald die Türen der Bahnen sich öffneten, der Run auf die wenigen freien Sitzplätze, um die mit allen Mitteln alle Altersgruppen kämpften. Die Musik aus den Kopfhörern oder In-Ear-Hörern, die schlechten, billigen Hörer, die einen fürchterlich schrottigen Sound produzierten, der die fürchterlich billige Musik damit gleich nochmal um ein Vielfaches verschlechterte. Die privaten Gespräche übers Handy, die ich mithörte, mithören musste, weil die Menschen so laut sprachen. All das summierte sich nochmal als mir bewusste wurde, dass dies die Gründe für mein Unbehagen und Unwohlsein waren. Ich war drüber – und wollte, nicht nur, aber auch deswegen – raus, weg.

Auf der schwäb’sche Eisenbahn

Im Vergleich dazu ist U-Bahn-Fahren hier in Stuttgart wie eine Fahrt mit der Bummelbahn. Die U-Bahn heißt hier, doch das nur am Rande, Stadtbahn; sie ist gelb, fährt meist mit zwei Waggons und größtenteils überirdisch. Das sieht vor allem hier in dem Vorort, in dem ich wohne, irgendwie niedlich aus, wie sie sich gediegen zwischen Wiesen und Bäumen windet. Eine Bummelbahn eben. Auf dem Jahrmarkt. Oder einer Insel. Die erste Lektion, die ich noch in der ersten Woche meiner Ankunft lernte war: Nicht drängeln. Die Bahn war ziemlich voll gewesen. Ich war etwas in Sorge, ob ich es wohl schaffen würde, bei der nächsten Station  auszusteigen. In Veddel, wo die Bahn manchmal so voll und noch voller gewesen war, musste man oft ziemlich klar und deutlich verbal wie auch physisch auf sich aufmerksam machen, um rechtzeitig aus der Bahn zu kommen. Das hatte ich so verinnerlicht, dass ich mich kurz vor der Haltestelle bemerkbar machte. „Entschuldigung, ich muss raus“. Irgendwie so etwas werde ich wohl gesagt haben, als ich mich an einem Paar vorbeischlängeln wollte. Beim Aussteigen sagte der Mann zu seiner Freundin, leise, aber dennoch hörbar: „Dass die Leute immer so drängeln müssen beim Aussteigen.“

Kapiert. Nicht drängeln. Check. Seitdem warte ich geduldig bis die Bahn hält. Sollte sich dann niemand bewegen und ich will aussteigen, bitte ich höflich um Durchlass. Mit „Bitte“ und „Danke“. Die Wörter fallen hier im VVS, wie der Nahverkehr hier heißt, nämlich ziemlich oft. Ich warte auch beim Einstieg geduldig an der Seite wie alle anderen (und freue mich, dass von hinten niemand drückt).

Höflichkeit ist ein Muss

Außerdem rutsche ich mit den Beinen zur Seite und mache so Platz, wenn jemand noch auf einen der 4-Sitze will. Ich sage „Bitte“, wenn sich die Person bedankt; ich bedanke mich, wenn andere für mich Platz machen. Ich sage im Übrigen hier sehr oft und für sehr viel „Bitte“ und „Danke“, nicht nur in der Stadtbahn. Ok, zuerst hat mich das viele „Bitte“ und „Danke“ und die Freundlichkeit und die Ruhe in der Bahn irritiert. Kein Ellenbogeneinsatz oder Bodycheck um einen Sitzplatz zu ergattern? Kein Drängeln und Drücken? Wie? Echt jetzt? Ja, auch wenn die Bahnen voll sind, geht es irgendwie noch freundlich und gesittet zu. Der Kampf um die Bahn oder um den Sitzplatz, als sei es die letzte Bahn für immer und ewig, der ist vorbei. Es fühlt sich zwar eher nach Bummelbahn, denn nach U-Bahnfahren in einer Großstadt, aber hey: Eine Menge Ballast von mir ist weg.

Felice navidad aus der Jukebox

Jetzt steige ich also ein die gelbe Bummelbahn, lehne mich zurück und tuckere so gemütlich durch die Stadt. Ohne Hektik und Lärm. Denn auch der Geräuschpegel ist deutlich niedriger als in Hamburg. Ich höre weniger schlechte Musik aus billigen Kopfhörern oder private Gepräche übers Handy. Was ich bislang auch noch nicht gesehen habe: Bettler und Musiker in der U-Bahn (was mich noch mehr irritiert als das viele „Bitte“ und „Danke“). Wobei ich mich prompt mit Grausen an Fahrten mit dem HVV denken muss, als eine „Band“ mit einem verstimmten Saxofon und einem Akkordeon in lausigem Englisch wochenlang „Hit The Road Jack“ misshandelte. Oder an die Frau mit dem CD-Player und ihr „Felice navidad“.  Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

u-bahn hier, stadtbahn dort;
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